Grenzüberschreitungen

Mehrsprachiger Redewettbewerb „Sag`s Multi“ am BORG

Kaum ein Elternratgeber, der nicht betont, wie wichtig es sei, Kindern und Jugendlichen klare Grenzen zu setzen. (Österreichische) Staatsgrenzen, die jahrzehntelang aus dem Bewusstsein jener, die sie überquerten, verschwunden waren, sind plötzlich wieder als solche erkennbar und mühsamer zu passieren. Der Ruf nach Abschottung und Grenzkontrollen wird immer lauter. Ein langwieriger Präsidentschaftswahlkampf wurde geführt, der (angeblich) innerhalb der österreichischen Gesellschaft zwischen sozialen Schichten und politischen Lagern Gräben aufgerissen und das Land gespalten habe. Umso willkommener war unserer Schule die Gelegenheit, zum zweiten Mal Gastgeberin des mehrsprachigen Redewettbewerbs „Sag’s Multi“ in Westösterreich sein zu dürfen. So konnte dem lustvollen Überwinden von sprachlichen, thematischen und geografischen Grenzen am 12. Jänner einen ganzen Tag lang gefrönt werden. 35 Schülerinnen und Schüler aus Salzburg, Tirol und Vorarlberg hatten sich für den Wettbewerb in Innsbruck qualifiziert, darunter zehn SchülerInnen des BORG Innsbruck. Nach einer stimmungsvollen Einleitung durch das Bläserensemble unter Kurt Arnold eröffnete die zwölfjährige (!) Azra Göksu von der NMS Hötting West scheinbar unbeeindruckt von der großen ZuschauerInnenschar, der Fensehkamera des ORF und dem Blitzlichtgewitter der Fotografen die Veranstaltung mit ihrer deutsch-türkischen Rede.

Flowers Martina Nišandžić (8m) mit Kroatisch ging als Erste für unsere Schule ins Rennen und setzte sich auf Kroatisch und Deutsch kritisch-ironisch mit den Erwartungen auseinander, die an Frauen in unserer Gesellschaft heute gestellt werden. Mit ihrem gekonnt gezeichneten Bild von der dezent, aber nicht zu stark geschminkten, schlanken, aber an den richtigen Stellen mit sexy Rundungen ausgestatteten Frau, die im richtigen Alter die richtige Anzahl Kinder bekommt, eine perfekte Hausfrau ist und eine erfolgreiche Karriere aufweisen kann, brachte sie das Publikum zum Schmunzeln und Nachdenken.

Flowers Zehra Kaya (7d) trat als Nächste ans Rednerpult und widmete sich dem Thema „Meine Meinung, deine Meinung – wo treffen wir uns?“. Sie spannte den thematischen Bogen vom Kopftuchverbot über die Ganzkörperverschleierung bis hin zu ihren eigenen Erfahrungen, die sie in ihrem Freundeskreis gesammelt hat. Obwohl ihre Freundinnen und Freunde aus so unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen wie Österreich, der Türkei, arabischsprachigen Ländern, Kroatien und Litauen stammen, verstehen sie sich blendend. Dass sie keinen Alkohol trinkt, wird von anderen ebenso akzeptiert wie von ihr die Tatsache, dass ihre FreundInnen diesem nicht abgeneigt sind.

Flowers Amruddin Hamidi (8a), aufgewachsen in Afghanistan, stellte in seiner Rede eindrucksvoll unter Beweis, wie schnell und auf welch hohem Niveau er in eineinhalb Jahren die deutsche Sprache erlernt hat. Auf Dari und Deutsch ging er auf die Aussage Malala Yousafzais ein: "Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern." Er strich heraus, dass die Taliban in seinen Augen den Koran völlig falsch interpretierten. Der Islam sei eine friedliche Religion, welche der Bildung - auch von Mädchen und Frauen – einen sehr hohen Stellenwert einräumt.


Flowers Eindringlich und wortgewandt prangerte Stella Pagliardini (8c) die mangelnde Wertschätzung der Schulbildung bei vielen österreichischen Jugendlichen an. In italienischer und deutscher Sprache schilderte sie beispielsweise das allseits bekannte Stöhnen darüber, dass das Wochenende wieder vorbei sei, oder gar den Wunsch danach, die Schule möge abbrennen, um endlich von der Bürde des Lernens befreit zu werden. Den ZuhörerInnen mit auf den Weg gab sie die Gedanken Bertolt Brechts in dessen Gedicht „Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen“, das sie natürlich auch zweisprachig vortrug.

Flowers Katharina Egger (8m), die das Schuljahr 2014/15 in Norddänemark verbracht hat, eröffnete ihre Rede mit Hasspostings auf Dänisch und Deutsch, die sie im Original vortrug. Ihre Fassungslosigkeit über diese Aussagen vermochte sie äußerst glaubwürdig zu vermitteln. Es war auch offensichtlich, dass sie sich viele Gedanken darüber gemacht hat, wie man auf derartige Äußerungen reagieren soll. Sie räumte ein, dass es wichtig sei, verbale Auseinandersetzungen zu führen, und dass es schwierig sei, eine Grenze zwischen harscher Kritik und Beleidigungen zu ziehen, schloss aber mit einem vehementen Plädoyer an jeden einzelnen User und jede Userin, Herabwürdigungen im Netz keinesfalls zu dulden.

Flowers Anja Miličević (6m) widmete ihre deutsch-kroatischen Ausführungen dem Thema „Das war aber schon immer so!?“. Bezugnehmend auf Flüchtlingsbewegungen bejaht sie diese Aussage, um sich dann differenziert mit der Situation von Flüchtlingen in den Aufnahmeländern auseinanderzusetzen. Auch wenn Versorgung, Unterbringung und der Zugang zum Arbeitsmarkt durchaus eine Herausforderung für alle darstellten, mahnte die Rednerin ein, nie die Ursachen der Flucht zu vergessen und sich bewusst zu machen, dass die Entscheidung, sein Land zu verlassen, die wohl schwierigste im Leben eines Flüchtlings sei.

Flowers In italienischer und deutscher Sprache übte die bereits souverän wirkende und jüngste unserer TeilnehmerInnen, Chiara Lorefice (5c), Kritik am Wettbewerbsprinzip, das unsere gesamte Gesellschaft durchziehe. Schon im Kindergartenalter würden die Jüngsten dazu ermutigt, sich zu vergleichen und zu konkurrieren, anstatt soziale Fähigkeiten zu entwickeln. Sie hingegen misst dem Prozess des sich Beratens, Verhandelns, Zuhörens große Bedeutung bei und wünscht sich, dass die Menschen folgendes von Steven Covey formulierte Prinzip verinnerlichten: „Trachte danach zuerst zu verstehen und dann selbst verstanden zu werden.“

Flowers Besonders mühelos bewegte sich Ana-Laura Romandy (6c) zwischen den Sprachen Englisch und Deutsch hin und her. (Nebenbei bemerkt: Sie beherrscht auch Spanisch und ein wenig Chinesisch und Thailändisch...) Sie ‚switchte‘ häufig innerhalb eines Satzes und ging ausgehend von Malala Yousafzai auf die Bedeutung von Bildung weltweit und die Diskriminierung der Mädchen in diesem Bereich ein. Da sie sich einige Zeit in Peru aufhielt (und, nebenbei bemerkt, acht Jahre lang in Bangkok gelebt hat), beschrieb sie auch ihre eigenen Eindrücke sowohl von den Lebensverhältnissen in den Armenvierteln Limas als auch vom schwierigen Schulweg der indigenen Bevölkerung, die auf den schwimmenden Inseln des Titicaca Sees wohnt.

Flowers Last but not least trat die temperamentvolle Rednerin Chiara Caltagirone (6a) ins Rampenlicht, die es bereits im Vorjahr bis in das Finale des Bewerbs in Wien geschafft hatte. Auf Italienisch und Deutsch nahm sie zum Thema „Zwischen Angst und Mut“ Stellung und ging auf Situationen ein, in denen es uns besonders schwer fällt, die richtige Entscheidung zu treffen.




Dass alle TeilnehmerInnen Mut bewiesen und ihre Angst hintangestellt haben, indem sie sich dazu entschlossen haben, an diesem Redewettbewerb teilzunehmen, steht außer Zweifel. Das Niveau der Reden war unserer Ansicht nach in diesem Jahr – sowohl in sprachlicher als auch in inhaltlicher Hinsicht – besonders hoch, und wir möchten allen SchülerInnen ein großes Kompliment für ihre ausgezeichneten Leistungen aussprechen. Dass sich von den neun BORG-TeilnehmerInnen fünf für das Finale in Wien qualifiziert haben, erfüllt uns mit großem Stolz und großer Freude! Bedanken möchten wir uns beim Tiroler Kulturservice, das es den SchülerInnen ermöglicht hat, an einem Workshop mit der Schauspielerin und Rhetoriktrainerin Claudia Widmann teilzunehmen, und bei unserem Direktor Peter Martha, der diesen Wettbewerb seit jeher unterstützt hat und sämtlichen Reden mit großem Interesse lauschte! Auch unseren Fremdsprachenassistentinnen Marianne Pujol, Alessandra Stucchi und Sandra González Garcia gilt unser Dank dafür, dass sie sich als Jurorinnen zur Verfügung gestellt haben.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Unter dieses Motto Ludwig Wittgensteins stellte Landesschulinspektor Thomas Plankensteiner seine einleitenden Worte. Angesichts der Vielfalt an Sprachen und Themen, zwischen denen die Rednerinnen und Redner an diesem Tag changierten, präsentierte sich das BORG Innsbruck an diesem Tag wahrhaft als Ort der Weltoffenheit und der – zumindest im Denken – grenzenlosen Weite.

Bericht: Bettina Harandi-Riedmann mit Verena Maringer und Sandra Demmelbauer
Fotos: mit freundlicher Genehmigung von B. Stubenböck/VWI